Stefan Tompson, Visegrád24 und die Hinwendung zu Israel nach dem 7. Oktober

Ein in London geborener Pole mit südafrikanischen Wurzeln half dabei, einen Mitteleuropa-Account zu einer weithin beachteten proisraelischen Plattform auszubauen. Ihr Wachstum zeigt die Stärke digitaler Verbreitung und die Grenzen von Aufrufzahlen.
Stefan Tompson gründete Visegrád24 nicht, um über Israel zu berichten. Der 2020 gestartete Account konzentrierte sich zunächst auf Mitteleuropa, gewann während des russischen Angriffs auf die Ukraine international an Bekanntheit und machte Israel nach dem von der Hamas angeführten Angriff vom 7. Oktober 2023 zu einem seiner zentralen Themen.
Damit geriet ein kleines Medienprojekt in eine wesentlich größere Debatte: Wer erklärt einem internationalen Publikum einen Krieg, und warum finden manche Stimmen mehr Gehör als andere?
Tompson, ein in London geborener Pole mit südafrikanischen Wurzeln, wurde zum öffentlichen Gesicht eines Accounts, dessen Name oft bekannter war als seine Betreiber. Seine Unterstützung für Israel ist ausdrücklich. Wer das Projekt verstehen will, muss diese Überzeugung ebenso betrachten wie Publikum, Arbeitsweise und Finanzierung.
Von London nach Warschau
Tompson studierte am University College London, zog um 2014 nach Warschau und baute eine Karriere in der Öffentlichkeitsarbeit auf. Seine Familie hat Wurzeln in Polen und Südafrika; seine Kindheit verband ihn außerdem mit Großbritannien und Frankreich.
Sein katholischer Glaube und seine polnische Identität erklären einen Teil seiner Sicht auf Israel. In Interviews beschreibt er den jüdischen Staat als Bestandteil einer gemeinsamen westlichen und jüdisch-christlichen Zivilisation. Das ist seine politische und religiöse Deutung, keine neutrale Beschreibung des Konflikts.
Aus dieser Perspektive erscheint die Entwicklung weniger plötzlich. Israel nahm nach dem 7. Oktober deutlich mehr Raum bei Visegrád24 ein. Tompsons Interesse an polnisch-jüdischer Geschichte und am Verhältnis zwischen Juden und Christen reicht jedoch weiter zurück.
Ein regionaler Account erreicht die Welt
Visegrád24 begann als anonymer Account mit Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa. Kurze Beiträge, Fotos und Videos machten regionale Ereignisse für englischsprachige Nutzer zugänglich, die keine polnischen Medien verfolgten.
Russlands großangelegte Invasion der Ukraine im Februar 2022 vergrößerte das Publikum. Die Unterstützung für die Ukraine prägte zugleich einen erkennbaren redaktionellen Ansatz: Nachrichten schnell verbreiten und offenlegen, welche Seite man unterstützt.
Nach dem 7. Oktober übertrug sich dieser Ansatz auf Israel, die Geiseln und den Krieg gegen die Hamas. Meldungen, Videos und Stellungnahmen brachten israelische Erfahrungen einem Publikum weit außerhalb des Landes näher. Die Parteinahme gehörte zur Darstellung und war keine Begleiterscheinung.
Was 371 Millionen Aufrufe tatsächlich aussagen
Eine im Oktober 2023 veröffentlichte Untersuchung des Center for an Informed Public an der University of Washington erfasste 371.770.355 Aufrufe von 399 einschlägigen Visegrád24-Beiträgen. Das war die höchste Summe unter sieben ausgewählten einflussreichen Accounts.
Diese Zahl belegt eine bemerkenswerte Verbreitung. Sie entspricht weder der Zahl unterschiedlicher Menschen noch einer Bewertung der Richtigkeit. Auch beweist sie keinen Meinungswandel. Der Spitzenplatz in dieser Auswahl ist zudem kein Spitzenplatz unter sämtlichen internationalen Medien.
Solche Einschränkungen schmälern den Befund nicht, sondern machen ihn genauer: Visegrád24 hatte sich als besonders wirksam darin erwiesen, kriegsbezogene Inhalte in die Diskussion auf sozialen Plattformen einzubringen.
Warum Israel ins Zentrum rückte
Bei einem Besuch in Israel im Januar 2024 rückte Tompson seine Berichterstattung näher an Menschen heran, deren Leben vom Krieg betroffen war. Jewish Insider berichtete über die Reise und darüber, welchen Platz Israel in seinem Weltbild einnimmt.
Für ihn hängt die Unterstützung Israels mit der Sicherheit und kulturellen Zukunft des Westens zusammen. Nach dieser Lesart sind die Ereignisse dort nicht von Europas Interessen getrennt, sondern Teil derselben Auseinandersetzung.
Man muss diese Interpretation nicht teilen, um ihre redaktionellen Folgen zu verstehen. Sie erklärt die anhaltende Aufmerksamkeit für Hamas, Antisemitismus, israelische Geiseln und die Bedrohungen durch Iran und seine Verbündeten. Die Themenwahl folgt einem Anliegen ebenso wie dem Nachrichtenfluss.
Gemeinnützige Struktur und getrennte Finanzierungsfragen
Visegrád24 nennt die amerikanische gemeinnützige Intermarium Foundation als Trägerin seiner Arbeit. Die bei ProPublica veröffentlichten Steuerdaten für 2024 weisen 852.312 US-Dollar Einnahmen, 446.131 US-Dollar Ausgaben und 436.156 US-Dollar Nettovermögen aus. Zuwendungen machten 852.125 US-Dollar der Einnahmen aus.
Das sind Angaben auf Stiftungsebene für ein bestimmtes Geschäftsjahr. Einnahmen sind nicht gleich Ausgaben. Die Erklärung beziffert weder das Budget jedes verbundenen Medienprojekts noch nennt sie sämtliche ursprünglichen Geldgeber.
Davon zu unterscheiden ist die Frage polnischer Staatsmittel. 2022 wurden 1.396.800 Zloty für die eigenständige Action-Life-Stiftung und ein Projekt namens Visegrad24 bewilligt. Berichten zufolge wurde die Förderung vor Vertragsunterzeichnung zurückgezogen. Tompson hat bestritten, polnisches Staatsgeld für den Betrieb von Visegrád24 erhalten zu haben.
OKO.press berichtete außerdem über Verbindungen zwischen CEE News und Tompsons Firma, ohne einen Geldtransfer an Visegrád24 nachzuweisen. Die Rücknahme einer Förderung beantwortet deshalb nicht jede Frage zu verbundenen Projekten. Berichtete Verbindungen belegen umgekehrt für sich genommen keinen konkreten Geldfluss.
Reichweite bedeutet Verantwortung
Der Aufstieg von Visegrád24 zeigt, wie ein kleines Team ohne die Infrastruktur eines Fernsehsenders zu einem wichtigen Verbreiter internationaler Nachrichten werden kann. Zugleich wird es für Leser wichtiger, zwischen eigener Berichterstattung, dem Bündeln fremder Inhalte und Interessenvertretung zu unterscheiden.
Geschwindigkeit kann wenig beachteten Inhalten Sichtbarkeit verschaffen. Sie kann aber auch Fehler verbreiten, bevor diese korrigiert werden. Aufrufe messen Aufmerksamkeit; Glaubwürdigkeit entsteht durch Quellenarbeit, Überprüfung und den Umgang mit Fehlern.
Der 7. Oktober hat Tompsons Weltbild nicht geschaffen. Er gab ihm einen neuen Schwerpunkt und Visegrád24 eine größere Rolle in der Debatte über Israel. Diese Rolle lässt sich am besten verstehen, wenn man sowohl auf die vermittelten Inhalte als auch auf die Perspektive ihrer Darstellung achtet.



